Bericht eines Arztes

Stojan Adasevic hat 20 Jahre lang Kinder abgetrieben. Zehntausende.
Eines Tages verstand er, was er tat

„Ich habe mich auf Gynäkologie spezialisiert. Meine Erwartung war, zu operieren, Frauen zu entbinden, Kaiserschnitte und Abtreibungen zu machen.

Mit einem Kollegen war ich dann 20 Jahre hindurch vor allem zuständig, Abtreibungen durchzuführen. Ich mochte das nicht besonders. Aber man musste es tun.

Langsam aber entwickelte sich in mir ein Widerstand. Ich begann zu verstehen, dass da etwas nicht stimmte: Wie konnte ein Mensch erst durch den ersten Schrei lebendig sein? Als wir Ultraschall bekamen, sah ich, wie das Ungeborene am Daumen lutschte. Und bei Abtreibungen sehe ich dann diese Hand auf meinem Tisch – zerrissen! Es konnte nicht sein, dass das Leben erst mit dem ersten Schrei beginnt.

Eines Tages hatte ich wieder eine Abtreibung durchzuführen: Zunächst ziehe ich etwas heraus, eine Hand – wie üblich. Lege sie auf den Tisch. Da plötzlich: Etwas Jod auf dem Tisch, das den Nerv reizt. Die Hand beginnt sich zu bewegen. Mein Gott! Nachdem ich mit der Zange das Kind weiter zerschnitten hatte, nehme ich einen Fuß heraus, will ihn so legen, dass nicht dasselbe wie mit der Hand passiert. Hinter mir stolpert jedoch die Hebamme und lässt alles fallen, was sie in der Hand hat. Ich erschrecke, der Fuß entgleitet mir, kommt genau neben der Hand zu liegen. Und wieder dieselbe Reaktion: auch der Fuß bewegt sich.

Als ich das nächste Mal etwas herausnehme, ist es das Herz – und es schlägt noch! Schwächer und schwächer, bis es stillsteht. In diesem Moment begreife ich, dass ich einen Menschen getötet hatte. Wie im Traum höre ich dann, dass die Hebamme, die mir assistierte rief: “Stojan, was ist mit Ihnen, was ist los!“ In dem Moment, als die Hebamme nach dem anderen Arzt ruft, erwache ich aus meinem Entsetzen. Und ich beginne zu beten: “Lieber Gott, ich weiß, in welcher Scheiße ich da hocke. Aber hilf jetzt dieser Frau.“

Und ich kann diese Abtreibung in erstaunlich kurzer Zeit beenden. Diese Abtreibung war meine letzte. Seit damals kämpfe ich gegen die Abtreibung und bemühe mich, Frauen von Abtreibungen abzuhalten. Jetzt passiert es mir ab und zu, dass mir in Belgrad Frauen über den Weg laufen, die mich ansprechen und sagen: “Herr Doktor, schauen Sie das Kind an: Das haben Sie gerettet!“ Wenn ich vor Gott treten werde, hoffe ich, dass Er mir wenigstens das zu meiner Rettung zugute halten wird.“

Quelle: Vision 2000 Nr. 6/2004 Stoján Adasevic, am 01.06.2004